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Jagd ist Unkultur

 

Jagdvergnügen der Pharaonen

Die Elite-Jagd befriedigt offenbar das Bedürfnis nach Macht und Herrschaft und außerdem einen gewissen Sadismus, der für Machteliten kennzeichnend ist.

Mit der Eroberung Mesopotamiens und Ägyptens durch die patriarchalen Indo-Europäer kamen vor 5000 Jahren erstmals Jagd und Krieg in die Welt. Die Jagd auf die Tiere der Wüste war den Königen und den Eliten vorbehalten und stellt ein Charakteristikum der neu gegründeten Königstümer in den eroberten Ländern dar, wo erste Abbildungen der Jagd mit Speeren, Pfeil und Bogen auffallen (P. Amiet Amiet ›La glyptique mésopotamienne archaique‹ 1980, S. 39 f., Pl. S. 602–611).

Lewis Mumford hält in seiner Kultur- und Zivilisationsgeschichte fest, dass kein Zweifel über den Ursprung der bedingungslosen Herrschaft und der spezifischen Charakteristiken der Könige bestehe: »Es war die Jagd, die die Initiative, das Selbstvertrauen, die Unbarmherzigkeit entwickelte, welche Könige üben müssen, um die Herrschaft zu erlangen und zu behalten; und es waren die Waffen des Jägers, die seinen Befehlen, ob sie nun rational oder irrational waren, den Rückhalt der Gewalt verliehen – vor allem die Bereitschaft, zu töten.« (Mumford 1974, S. 199 f.)

Im Alten Reich war anscheinend nur der König mit diesen auch in Ägypten neuen Waffen, dem Pfeil und Bogen, ausgestattet; er hatte ein »Reservatrecht auf bestimmte Tierarten, wie den Wildstier oder den Löwen« (Altenmüller Lexikon der Ägyptologie (LÄ), III, S. 222).

Jagen und Kämpfen waren faktisch austauschbare Tätigkeiten. »Diese ursprüngliche Verbindung zwischen Königtum und Jagd ist in der gesamten geschriebenen Geschichte sichtbar geblieben (…) Der skrupellose Gebrauch der Jagdwaffen, um die politischen und ökonomischen Aktivitäten ganzer Gemeinschaften unter Kontrolle zu halten, war eine der wirksamsten Erfindungen des Königtums.« (Mumford 1974, S. 199 f.)

Von der brutalen Jägerei wurde schon damals und bis in die Gegenwart mit Stolz berichtet. Meistens handelt es sich um beschönigende Rechtfertigungen, die von ›Heldentaten‹ bis zur ›religiösen Pflicht‹ und ›Tierliebe‹ reichen. Da wird etwa ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem Töten von Tie­ren und dem König, »dem als Garant der Weltord­nung die Rolle ei­nes Vorkämpfers gegen menschli­che und tieri­sche Feinde zukam« (Störk LÄ, IV, S. 502). Er soll durch den Sieg über die Tiere symbo­lisch das Land von Fein­den befreien. »Die Jagd unterstreicht die physische Überlegenheit des Jagdherrn über die numinosen Mächte der Tierwelt, etwa in Parallele zum rituellen Niederschlagen der Feinde.« (Altenmüller LÄ, III, S. 232)

Altenmüller behauptet, dass die Jagd zu den ältesten Formen der Nahrungsgewinnung gehörte (LÄ, III, S. 221). Auch glaubt er, sie sei »schon in der Vorgeschichte entwickelt worden, als die Jagd noch ein wichtiger Faktor der Nahrungswirtschaft war« (ibd., S. 230). Sie habe aber in der historischen Zeit nicht mehr die überragende Rolle gespielt, die ihr einst in der Vorgeschichte zukam, obwohl Jagdbilder in den Kultanlagen der Königs- und Privatgräber einen breiten Raum einnahmen (LÄ, III, S. 224).

Doch war die Jagd in Ägypten zu keiner Zeit ein wesentlicher Faktor für die Ernährung des Volkes. Zum einen ernährten sich die neolithischen ÄgypterInnen vegetarisch und von Fisch, zum anderen jagten die Könige ohnehin nie, um die Menschen zu ernähren. Es gab keine Rücksicht, weder auf hungernde Menschen noch auf Tiere: »Jagdzeiten und Schonfristen waren den Ägyptern un­bekannt. Auf Darstellungen des Alten und Mittle­ren Rei­ches ist zu erkennen, dass die Jagd vor allem im Früh­jahr stattfand, zu einer Zeit, als das Wild sich paarte oder die Jung­tiere zur Welt ge­bracht wur­den.« (Altenmüller LÄ, III, S. 222) Damit wurde die ›Nahrungsquelle‹ derart reduziert, dass der Wildbestand drastisch zurückging und die Könige die Jagd zunehmend ins Ausland verlagerten. (Es ist nicht anzunehmen, dass die Jäger die erlegte Beute heim ins Niltal zu den hungernden ÄgypterInnen schleppten.)

Man könne nicht von Jägerlatein sprechen, glaubt Emma Brunner-Traut, wenn Thut­mosis III. damit prahlte, schon vor dem Frühstück 12 Wildstiere erlegt zu haben; »und er hängte sich ihre Schwänze hinten an seinen Schurz. Auf dem Feldzug gegen die Mitanni im Sumpf­land von Nii am Orontes hatte er 7 Löwen und 120 Elefanten erlegt« (Brunner-Traut 1987, S. 41). Amenophis III. steht ihm an Blutdurst und Angeberei in nichts nach. Aus einer Herde von 176 Stieren im Delta will er deren 96 erlegt haben. Auch brüstet er sich auf ei­nem Gedenkskara­bäus damit, »im ersten Jahrzehnt seiner Regierung 102 Löwen erbeutet zu haben« (Brunner-Traut ibd.). Dieser heldenhafte Jäger wurde nicht nur für seine brutale Schlächterei der Tiere bekannt. Im fünften Jahr seiner Regierung bestrafte er einige »hochmütige Neger-Stämme im Sudan, die sich empört hatten und große Dinge planten«, und er erzählt triumphierend von dem Gemet­zel, das er dort ange­rich­tet hatte: »Der wild blickende Löwe, die­ser Fürst, schlug sie auf Befehl des [Gottes] Amon-Atum.« (Weigall 1923, S. 21)

Wie üblich werden Sadismus und Brutalität pseudoreligiös verklärt und da­durch als ethisch ak­zeptabel und notwendig dargestellt.

Wenig Trost findet man auch in der Beteuerung, über je­des ägyp­tische Tierbild breite sich »das verborgene Wissen um die We­sens­ver­wandtschaft von Mensch und Tier wie geheimes Leuchten aus«, während in den as­syri­schen Wie­dergaben spürbar werde, wie der Mensch die Kreatur vergewal­tigte (Brunner-Traut). Zum Beispiel auf dem Bild der sterbenden Löwin, die bemerkenswerterweise »motivisch ihr Vor­bild auf der Schatztruhe Tutanchamuns hat. Brüllend vor Schmerz schleppt sich das todwunde Tier auf den Vor­der­beinen wei­ter, nach­dem zwei Jagdpfeile Assur­banipals ihr Rückgrat ge­trof­fen haben, sodass sie die ge­lähmten Hinterbeine langsam nur noch nach­schleifen kann« (Brunner-Traut 1987, S. 46).

Jagd auf schwarze Menschen. Jagdtruhe des Tutanchamun, Kairo

Der Auto­rin geht das gleiche Mitgefühl für die Men­schen und Tiere Ägyptens ab, denn sie hat ja nicht überse­hen, dass auf der Schatz­truhe des Tutanchamun das Bild einer ebenso mörderi­schen Löwenjagd mit ei­nem hal­ben Dutzend von Tutanchamuns Pfeilen durchbohrten Löwinnen ab­gebildet ist. Aber noch schlim­mer ist: Auf der Rückseite ist nochmals eine Jagd abgebildet, nur dass hier die gejagten und mit Pfei­len durchbohr­ten We­sen nicht LöwInnen, son­dern schwarze Menschen sind, die außer­dem noch von Hunden ge­hetzt und angefallen werden.

Die ins Auge springende Verwandtschaft der ägyptisc­hen mit den vorderasiatischen Gewaltherr­schern ist nicht zu leug­nen. Das mörderische Abschlachten der Tiere durch die ›großen Jäger‹ überliefern jedoch nicht nur ägyptische, assyrische und iranische Darstellungen: In der Bibel hört man das Echo. Noahs Sohn Kusch erzeugte Nimrod; »er war der erste Ge­walt­herrscher auf Er­den. Er war ein gewaltiger Jäger vor Jahwe« (1. Mo­se 10,8–9).

Die maßlose Jagd auf die ägyptische Tierwelt war blanke Lust am Töten. Ein Text des Mittleren Rei­ches beschreibt die Jagd in den rei­chen ägypti­schen Savannen. Jagdtreiber bereiteten sie für den König vor und lock­ten das Wild an, was den Jägern erlaubte, ins Volle zu schießen. »Wenn gar beim einge­lapp­ten Trei­ben das Wild dicht bei dicht im Ge­hege zu­sammenge­trieben war, kam die Jagd einem Scheiben­schießen gleich.« (Brunner-Traut 1987, S. 41)

Der Angriff auf die Tiere, die bis zur Aus­rottung ausartete, wurde mit der angeblichen Bösartigkeit und Hinterlist der Tiere ge­rechtfer­tigt: Krokodile »lauerten feind­selig«, oder das böse Prusten der Nilpferde »er­schreckte den arglosen Jäger unheil­voll«. »Während der Ägypter das Nilpferd durch Harpunieren zu tilgen suchte, wehrte er dem Krokodil al­lein durch Zauber offen­sichtlich aber mit Erfolg. Denn beide Tiere, nicht nur das Flusspferd, sind zur Römerzeit in Ägypten ziemlich selten und nur noch auf be­stimmte Gebiete beschränkt. Die letzten Art­genossen wurden im Delta 1658, in Ober­ägypten l850 erlegt.« (Brunner-Traut 1987, S. 42) Seit dem Mittleren Reich mussten aus dem Sudan und aus Libyen lau­fend Tiere eingeführt wer­den, um die ausgerotteten Arten zu er­set­zen. In römischer Zeit ging die Barbarei so weit, dass man Tier­het­zen veran­staltete, bei denen in einem schauerlichen Schauspiel Nilp­ferde gegen Krokodile zu kämp­fen hatten.

Das Reinwaschen der tötungslustigen Herren­menschen führt bisweilen zu seltsamen Un­gereimtheiten. Brunner-Traut beteuert, dass die Herren, die zum Vergnügen jagten, dies nicht oh­ne Verantwortungsbewusstsein taten: »Mit der gewissen­sentlasten­den Er­klärung des zu jagenden oder zu opfernden Tieres zum Feind kommen die Ägypter der ethischen Forderung Albert Schweitzers entgegen, sich über die, wenn schon nötige Tötung von Tieren Re­chenschaft zu geben. Auch mag es das Schlachten und Ja­gen er­leich­tert haben, dass sich die Ägypter der Entzweiung der Natur (Hegel) bewusst waren, d. h., dass sich das Leben nur durch Töten er­hält.« (Brunner-Traut LÄ, VI, S. 558 f.)

An Albert Schweitzers Brust braucht man nicht weiter nach­zugrübeln über blut­rünstige Herrscher und Götter und die Notwendigkeit, Tiere ›zur Erhaltung des ­Lebens‹ zu töten. Und damit man sich jetzt nicht unerwünschte Fra­gen zum ­Töten als »Garant der Weltordnung« stellt, werden wir be­lehrt, dass schon ­Pharao in ­Bedrängnis geriet zwischen Tierliebe und Tierver­ehrung und der Not­wen­digkeit, Tiere zu schlachten, zu ja­gen und für den Gott zu op­fern. Ob man ihm seine ­›Bedrängnis‹ abnimmt oder die Beschönigung glaubt, ab­stoßend ist das Gemetzel auch dann, wenn »Jagd wie Opfer vor einem reli­giösen Hinter­grund spielten, und in den quasi-kultischen Schauspie­len die Tiere rituell zu Feinden erklärt wur­den« (Brunner-Traut 1987, S. 42).

Es handelte sich um die Kulttiere der Göttin, die von den Herrschern und ihrem Gefolge zu ›Feinden‹ erklärt wurden: Nilpferd, Kro­kodil, das Wild der Wüste, Löwen und Panther, Gazellen und Anti­lopen, Esel, Schweine und sogar Fische, Vögel und Schild­kröten wurden gejagt und abgeschlachtet.

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